Ev.-luth. Kirchengemeinde St. Jürgen in List auf Sylt



Friedhofsgeschichte

von Manfred Seeger

 

„Park oder Friedhof?“ Diese Frage stellen sich viele Besucher, die zum ersten Mal dem Lister Friedhof einen Besuch abstatten.

 

Ein Friedhof ist zumeist klar strukturiert und auf einer Ebene liegend. Neben einzelnen Sektoren für die verschiedenen Beisetzungsformen ist eine klare Linienform das hervorstechende Merkmal vieler Friedhöfe. Wer die Ruhe, vor allem die innere Ruhe, sucht und nebenbei die Geschichte des eigenen Ortes erleben möchte, ist auf einem Friedhof bestens aufgehoben.

 

In diesem letzten Punkt unterscheidet sich der Lister Friedhof nicht besonders von anderen Friedhöfen. Wer allerdings neben der Ruhe und das Entdecken von „Geschichte“ auch noch die schöne Natur bewundern möchte, wird auf dem Lister Friedhof sein „blaues Wunder“ erleben. Jeder, der den Lister Friedhof zum ersten Mal betritt, wird seine eigenen Vorstellungen schnell über den Haufen werfen: Keine klare Linienform und einheitliche Ebene, sondern ein Friedhof, der sensibel in eine wunderbare Dünenlandschaft über mehrere Ebenen eingepasst wurde. Dieser rustikale Charakter, der auch zulässt, dass Urnengräber und Sarggräber nebeneinander möglich sind, verstärkt das Bild einer gewollten „Unordnung“.

 

Wer mit offenen Augen die vielen Wege des Friedhofes durchwandert, wird auch auf Schritt und Tritt in die Sylter und Lister Geschichte hineintauchen können. Nach dem Betreten des Friedhofes führt uns die Hauptachse bis zur Mitte. An deren Ende führt uns der rechte Weg in den sogenannten »Alten Teil« des Friedhofs. Die ersten Beisetzungen haben dort in den 30er Jahren stattgefunden. Einige wenige Grabsteine aus dieser Zeit sind dort noch vorhanden. Am Ende des Weges, eine Etage höher, befindet sich das große Ehrenmal zum Gedenken der gefallenen Kameraden beider Weltkriege.

 

Hier oben führt der Weg rechts oder links herum durch die oberen Grabreihen zurück zur Mittelachse. Folgt man dem linken Weg, darf man gleich wieder stehen bleiben. Denn dort befindet sich zu Beginn auf der linken Seite die Grabstätte der Familie »von Gronau«. Wolfgang von Gronau, Generalmajor der Luftwaffe und Pionier der Weltluftfahrt, hat zu Beginn der 30er Jahre den ersten Nonstop Flug mit einem Wasserflugzeug von List nach New York unternommen. Nur zwei Jahre später hat er wiederum von List aus die Erde einmal umrundet. Für die damalige Zeit eine besondere fliegerische Herausforderung, die ihm die Ehrenbürgerschaft seiner Lieblingsgemeinde List einbrachte. Am Lister Hafen erinnert ein Gedenkstein an seine Heldentaten. Er verstarb im Jahre 1977 im Alter von 84 Jahren.

 

Ein paar Meter weiter erinnern uns die „Helgolandgräber“ aus den 50er Jahren an die Evakuierung der Insel Helgoland. Nach Beendigung des 2. Weltkrieges wollten die Engländer die Insel Helgoland von der Landkarte löschen. Die Mitarbeiter der »Biologischen Anstalt Helgoland«, deren Zweigstelle sich in List befand, und die meisten Bewohner suchten sich eine neue Heimat, die sie hier in List fanden. Zwei Gräber aus dieser Zeit sind noch in einem sehr guten Zustand und werden bis heute von den wieder auf Helgoland wohnenden Angehörigen gepflegt.

 

Wieder am Ende des Hauptachse angekommen wäre bis zum Beginn der 50er Jahre der Friedhofsrundgang beendet. Da List, bedingt durch den 2. Weltkrieg enorm an Einwohnern zugenommen hatte und nach Beendigung des Krieges erhebliche Flüchtlingsströme auch in die frei gewordenen militärischen Liegenschaften einquartiert wurden, nahmen in dieser Zeit auch die Beisetzungen zwangsläufig sprunghaft zu. Im ehemaligen Offiziersheim mit den dazugehörigen Nebengebäuden richtete der Kreis Südtondern ein „Kreisalters- und Pflegeheim“ ein, was die Einwohnerzahl und die Sterberate ebenfalls stark beeinflusste.

 

Da dadurch der Friedhof zu klein wurde, musste eine Erweiterung ins Auge gefasst werden. Da traf es sich gut, dass ein alt eingesessener Familienclan (Peter Dietrichsen) aus List, der im Besitz der angrenzenden Grundstücke war, der Kirchengemeinde eine großzügig bemessene Fläche unentgeltlich zur Verfügung stellte. Im Lister Sprachgebrauch ist dies der »obere Teil«, der auch tatsächlich wiederum um einiges höher liegt. Dort wurden zu Beginn der 50er Jahre die ersten Beisetzungen in einfachen Schlichtgräbern vorgenommen. Die meisten dieser kleinen Bodenplatten, die an die Verstorbenen erinnern sind im Laufe der Jahrzehnte komplett von der Natur überdeckt worden. Bei den letzten Verschönerungsarbeiten konnten einige dieser Platten gesichert werden. Diesen wird in Zukunft ein geeigneter Platz zur Erinnerung an diese Zeit hergerichtet.

 

Auch die Militärgeschichte des 2. Weltkrieges spiegelt sich auf dem Friedhof wider: So haben etliche Verantwortliche auf dem Lister Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden.

 

Fast ganz im Verborgenen, rechts neben der Lagerfläche des Mutterbodens befindet sich ein mittelgroßer Findling mit der Inschrift: „Hier ruht Egon“. Als ich das erste Mal über den Lister Friedhof ging, damals noch als Tourist, hat mich dieser Stein besonders angesprochen. Die Schlichtheit, wie unsere Kirche auch, und der wenige Text haben mich stark berührt. Als Lister Bürger habe ich dann später versucht, Informationen über das Leben von Egon zu erfahren. Egon Jepsen wurde am 18. Juni 1973 auf dem Lister Friedhof beigesetzt. Er kam ursprünglich aus Großenwiehe, wo wohl auch seine Eltern wohnten. In List hat er zuletzt als Briefträger gearbeitet. Alle, mit denen ich gesprochen habe bestätigten seinen angenehmen Charakter. Der Alkohol, von dem er leider nicht die Finger lassen konnte hat sicherlich zu seinen frühen Tod mit 28 Jahren beigetragen. Trotzdem ist es schön zu wissen, dass es noch Menschen gibt, denen Egon nicht egal war. Wolfgang Beth hat ihm den Stein auf sein Grab gestellt, so dass er bis heute nicht vergessen ist. Man sieht, hinter jeden Grabstein verbirgt sich eine kleine oder große Geschichte und so wird die Vergangenheit sogar noch einmal lebendig.

 

Heute ist unser Friedhof viel zu groß. Stöhnen manche Städte und Gemeinden über zu wenig Raum für Beisetzungen, ist List in der Lage, sehr sorgfältig auf die Wünsche der Angehörigen einzugehen. Ich als Friedhofsverwalter freue mich über jeden Lister, aber auch über jeden Gast, der schon zu Lebzeiten an die Zeit danach denkt und bei einem Spaziergang mit mir, seine Wünsche äußert. So ist es auf unseren Friedhof nicht ungewöhnlich, Grabsteinen zu begegnen, auf denen noch nichts steht.

 

Die Größe des Friedhofes ist einerseits sehr reizvoll, da sie den parkähnlichen Charakter besonders herausstellt, andererseits ist aber der Pflegeaufwand für die Kirchengemeinde allein nicht zu leisten. Seit nunmehr drei Jahren bittet die Kirchengemeinde im Frühjahr und im Herbst um die freiwillige Mitarbeit auf dem Friedhof. Ein harter Kern, mal 10 oder auch mal 20 Personen, treffen sich dann mit unserer Friedhofsgärtnerin Saskia van Waalwijk van Doorn und verbringen 2-3 Stunden mit Pflege- und Verschönerungsarbeiten auf dem Friedhof. Der Erfolg dieser Aktion, die als einmalige Maßnahme zur Beseitigung von Sturmschäden gedacht war, hat den Friedhof so gut getan, dass diese freiwillige Aktion wohl zur Dauereinrichtung werden kann. Als Dankeschön für den Einsatz sind ortsansässige Gewerbetreibende (Fa. Gosch, Fa. Paradise) immer bereit, dies kulinarisch zu unterstützen. Die politische Gemeinde darf auch nicht unerwähnt bleiben. Steht sie doch für mögliche finanzielle bzw. personelle Defizite ohne große Diskussion jederzeit ein.

 

Einen Gegenstand des Lister Friedhofs habe ich ganz vergessen zu erwähnen, obwohl er jeden Besucher sofort auffällt. Die Rede ist von dem Findling am Ende der Hauptachse, dort wo es scharf rechts zu den Urnengräbern geht. Eigentlich passt er gar nicht so recht auf unseren Friedhof bzw. in den Bereich wo er nun liegt. Beim genauen Hinsehen und mit etwas Fantasie könnte man aber auch auf den Gedanken kommen: „Der ist für den Lister Friedhof wie gemacht!“. Die leichte Aushöhlung, die den Blick in das „Innere“ ermöglicht und die Dunkelheit die dem „Inneren ohne Licht“ beiwohnt, passen doch gut zu einem Friedhof. Aber wie gelangte dieser Stein auf den Lister Friedhof? Der Findling wurde, wie auch immer, in den 90er Jahren am Wenningstedter Strand angespült. Dort fanden ihn Urlauber, denen offensichtlich der Lister Friedhof sehr am Herzen lag: Ein Anruf bei Pastor Pittkowski in List, den Transport geregelt und schon fand der Findling seinen würdigen Platz.

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